CBAM-Stahl: Emissionsfaktoren von 0,5 bis 2,0 tCO2/t und die Kosten für Importeure

CBAM-Stahl: BF-BOF-Stahl verursacht rund 2,0 tCO2/t, Elektrostahl aus Schrott nur 0,5 tCO2/t.

CBAM erfasst Stahl als größten Sektor nach Importvolumen, wobei die grauen Emissionen je nach Produktionsroute zwischen rund 0,5 und 2,0 Tonnen CO2 je Tonne Stahl liegen, ein Faktor-Vier-Unterschied allein durch die Herstellungsweise. Warum verursacht Hochofenstahl viermal so viel CO2 wie Elektrostahl aus Schrott, und was bedeutet diese Spanne konkret für die Kosten eines Stahlimporteurs? Dieser Beitrag ordnet die KN-Codes des Sektors, vergleicht die Emissionsfaktoren der wichtigsten Produktionsrouten, rechnet die CBAM-Kosten für 2026 durch und zeigt, welche Herkunftsländer und welche deutschen Abnehmerbranchen von CBAM-Stahl besonders betroffen sind.

Was ist CBAM-Stahl?

CBAM-Stahl bezeichnet alle Erzeugnisse aus den KN-Kapiteln 72 (Eisen und Stahl) und 73 (Waren daraus), die unter Anhang I der Verordnung (EU) 2023/956 fallen und deren Einfuhr eine Zertifikatspflicht für graue Emissionen auslösen kann. Der Sektor "Eisen und Stahl" ist der mengenmäßig größte der sechs CBAM-Sektoren, weil er von Rohprodukten wie Roheisen bis zu Fertigwaren wie Rohren und Profilen reicht. CBAM ist dabei kein Zoll und keine Steuer, sondern ein zertifikatbasierter Mechanismus, der die grauen Emissionen importierter Waren an den Preis des EU-Emissionshandelssystems koppelt. Einen vollständigen Überblick über CBAM-Pflichten, Fristen und Kosten für Importeure aller sechs Sektoren liefert die Startseite dieses Leitfadens, bevor die folgenden Abschnitte tiefer in den Stahlsektor führen.

Warum reicht die reine Zugehörigkeit zu Kapitel 72 oder 73 allein noch nicht für eine CBAM-Pflicht aus? Der KN-Code entscheidet nur über den grundsätzlichen Anwendungsbereich. Ob daraus tatsächlich eine Pflicht entsteht, hängt zusätzlich vom Warenursprung und von der kumulierten Jahresmenge des einzelnen Einführers ab, wie die folgenden Abschnitte zu KN-Codes und zur De-minimis-Schwelle zeigen.

Welche KN-Codes umfasst der CBAM-Stahl-Sektor?

Der CBAM-Stahl-Sektor umfasst die KN-Kapitel 72 und 73 mit Produkten von Roheisen über Halbzeug bis zu fertigen Rohren und Profilen. Die folgende Tabelle ordnet die wichtigsten Code-Bereiche den jeweiligen Produktgruppen zu.

KN-Bereich Produktgruppe Beispiele
7201 Roheisen Roheisen aus dem Hochofenprozess
7202 Ferrolegierungen Ferromangan, Ferrosilizium
7203 Direktreduziertes Eisen (DRI) Eisenschwamm
7206 bis 7212 Flachgewalzte Erzeugnisse Warmband, Kaltband, Coils
7213 bis 7217 Stabstahl, Draht Betonstahl, Walzdraht
7218 bis 7229 Edelstahlerzeugnisse Rostfreie Bleche, Profile
7301 bis 7307 Rohre, Fittings, Konstruktionsteile Stahlrohre, Verbindungselemente

Eisenerz (KN 2601) selbst zählt nicht als CBAM-Ware, dient aber als Vormaterial für die spätere Roheisen- und Stahlherstellung. Bei vielen fertigen Stahlprodukten handelt es sich um "komplexe Waren" im Sinne von Anhang IV Nr. 1 der Verordnung, deren Berechnung die grauen Emissionen eines vorgelagerten Vorläuferstoffs mit einschließt. Warmgewalzter Stahlcoil ist dabei das klassische Beispiel: Seine Emissionen wandern in die Bilanz jedes daraus gefertigten Rohrs oder Profils weiter. Eine vollständige Auflistung aller Codes mit Zuordnung zu den jeweiligen Produktionsstufen liefert die Seite zu den CBAM-KN-Codes für Stahl.

Wie unterscheiden sich die Emissionsfaktoren nach Produktionsroute?

Die Emissionsfaktoren von CBAM-Stahl unterscheiden sich um bis zu das Vierfache je nach Produktionsroute: Hochofenstahl (BF-BOF) verursacht rund 2,0 tCO2/t, während Elektrostahl aus Schrott (EAF) nur etwa 0,5 tCO2/t erreicht. Zwei weitere Routen liegen dazwischen beziehungsweise deutlich darunter, wie die folgende Tabelle zeigt.

Produktionsroute Beschreibung Direkte Emissionen (tCO2/t Stahl) Verbreitung
BF-BOF (Hochofen/Sauerstoffblasverfahren) Kohle- und koksbasierte Primärstahlerzeugung ca. 2,0 China, Indien, Russland dominant
DRI-EAF (Direktreduktion + Elektrolichtbogen) Erdgasbasierte Primärroute plus Elektrostahlofen ca. 0,9 bis 1,4 wachsend im Nahen Osten und in Indien
EAF (Elektrolichtbogen, Schrott) Schrottbasierte Sekundärstahlerzeugung ca. 0,4 bis 0,6 Türkei, Italien, Spanien dominant
H2-DRI (grüner Stahl) Wasserstoffbasierte Direktreduktion plus Elektrolichtbogen ca. 0,0 bis 0,1 im Aufbau, u. a. EU-Pilotanlagen

Bei Stahl bepreist CBAM ausschließlich direkte Emissionen aus dem Produktionsprozess selbst; der Stromverbrauch der Anlage fließt formal nicht in die Berechnung ein, anders als bei Zement oder Düngemitteln, wo zusätzlich indirekte Emissionen aus dem Stromverbrauch gezählt werden. Die dominierende Emissionsquelle bei BF-BOF-Stahl ist die Verbrennung von Koks im Hochofen, während EAF-Anlagen vor allem elektrische Energie zum Einschmelzen von Schrott nutzen und dadurch strukturell emissionsärmer arbeiten. Wie sich diese direkten Emissionen im Einzelnen berechnen lassen und welche Formel für einfache gegenüber komplexen Stahlwaren gilt, erklärt der Beitrag CBAM-Emissionen berechnen mit einer vollständigen Herleitung für alle sechs Sektoren.

Was kosten CBAM-Zertifikate für Stahlimporte?

CBAM-Zertifikate für Stahlimporte kosten 2026 je nach Produktionsroute zwischen 0,94 und 3,76 EUR netto je Tonne Stahl, berechnet aus dem amtlichen Zertifikatspreis von 75,28 EUR je Tonne CO2e (zweites Quartal 2026) und dem CBAM-Faktor von 2,5 Prozent. Die folgende Tabelle zeigt Brutto- und Nettokosten für die beiden mengenmäßig wichtigsten Routen.

Produktionsroute Emissionsfaktor (tCO2/t) Bruttokosten @ 75,28 EUR Nettokosten 2026 (× 2,5 %)
BF-BOF (Hochofen) 2,0 150,56 EUR/t 3,76 EUR/t
EAF (Elektrolichtbogen, Schrott) 0,5 37,64 EUR/t 0,94 EUR/t

Der Bruttowert ist dabei nicht die tatsächliche Zahlung. Erst der CBAM-Faktor von 2,5 Prozent legt fest, welcher Anteil davon 2026 tatsächlich über CBAM-Zertifikate beglichen werden muss, während der weitaus größere Rest der kostenlosen Zuteilung im EU-Emissionshandelssystem entspricht, die europäische Stahlhersteller noch erhalten. Dieser Anteil sinkt bis 2034 schrittweise auf null, sodass die heutigen Nettokosten nur den Einstiegspunkt einer deutlich steileren Kostenkurve markieren.

Die eigenen CBAM-Kosten für einen konkreten Stahlimport lassen sich in vier Schritten ermitteln:

  1. Produktionsroute und Emissionsfaktor bestimmen, entweder anhand tatsächlicher Werksdaten oder ersatzweise über einen länderspezifischen Standardwert.
  2. Graue Emissionen berechnen, indem die Importmenge in Tonnen mit dem Emissionsfaktor multipliziert wird.
  3. CBAM-Faktor anwenden, indem das Ergebnis mit dem für das jeweilige Jahr geltenden Faktor multipliziert wird (2026: 2,5 Prozent).
  4. Mit dem aktuellen Zertifikatspreis multiplizieren, um die Kostenzahl in Euro zu erhalten (Q2 2026: 75,28 EUR je Tonne CO2e).

Ein vollständig durchgerechnetes Beispiel für diese vier Schritte, einschließlich der Kostenentwicklung bis 2034, führt der Beitrag zu den CBAM-Kosten vor. Unterhalb einer kumulierten Jahresmenge von 50 Tonnen entfällt die Zertifikatspflicht für Stahl vollständig, wie der folgende Abschnitt zur De-minimis-Schwelle im Detail zeigt.

Welche Länder liefern CBAM-pflichtigen Stahl in die EU?

Vier Herkunftsländer prägen den internationalen Handel mit CBAM-pflichtigem Stahl besonders stark, wobei sich ihre Kostenlast je nach eigener CO2-Bepreisung deutlich unterscheidet. Die Türkei liefert mit rund 6 Millionen Tonnen jährlich die größte Stahlmenge aller CBAM-Herkunftsländer in die EU und verfügt über keine eigene CO2-Bepreisung, was das Land zum am stärksten exponierten Stahlexporteur im gesamten Mechanismus macht. Indien folgt mit einem wachsenden Anteil aus BF-BOF-Produktion und einem Pilotprogramm für ein eigenes Emissionshandelssystem (Carbon Credit Trading Scheme), das perspektivisch eine teilweise Anrechnung nach Artikel 9 der Verordnung ermöglichen könnte. Südkorea betreibt bereits ein eigenes Emissionshandelssystem (K-ETS), dessen mögliche Abzugsfähigkeit die EU-Kommission fortlaufend prüft, während China seinen nationalen Emissionshandel 2026 nur auf den Stromsektor beschränkt und den Stahlsektor bislang nicht einbezieht. Wie sich diese fehlende CO2-Bepreisung konkret auf die CBAM-Kostenlast türkischer Stahlexporte auswirkt, ordnet der Länderbeitrag zu CBAM in der Türkei im Detail ein.

Wie betrifft CBAM die deutsche Stahlindustrie und ihre Importeure?

CBAM betrifft die deutsche Stahlindustrie in zwei Rollen gleichzeitig: als Produzentenland mit eigener Hochofenroute und wachsender Kapazität für wasserstoffbasierten Stahl, und als Importland verarbeitender Branchen, die Halbzeug und Fertigstahl auch aus Drittländern beziehen. Deutsche Stahlhersteller mit Hochofenanlagen profitieren wie andere EU-Produzenten noch von der auslaufenden kostenlosen Zuteilung im EU-Emissionshandelssystem, während gleichzeitig zunehmend in wasserstoffbasierte Direktreduktion investiert wird, um langfristig von steigenden CO2-Kosten unabhängiger zu werden. Für die einführende Wirtschaft zählen insbesondere folgende Branchen zu den größten Abnehmern von importiertem CBAM-Stahl:

  • Automobilzulieferer, die Karosserie- und Strukturbauteile aus Flachstahl fertigen
  • Maschinen- und Anlagenbau, der Stab- und Edelstahl für Bauteile und Komponenten verarbeitet
  • Bauwirtschaft, die Betonstahl und Konstruktionsprofile importiert
  • Metallverarbeitende Industrie, die Rohre und Fittings aus Kapitel 73 weiterverarbeitet

Wie die vollständige CBAM-Situation in Deutschland aussieht, einschließlich der zuständigen Behörde und der nationalen Umsetzung, beschreibt der zugehörige Länderbeitrag. Stahlimporteure, die oberhalb der De-minimis-Schwelle liegen, müssen zusätzlich die jährliche Berichtspflicht im Rahmen der CBAM-Erklärung erfüllen und profitieren bei mehreren Lieferwerken häufig von spezialisierter Software zur Automatisierung von KN-Code-Abgleich und Lieferantenkommunikation.

Gilt die 50-Tonnen-Schwelle auch für Stahlimporte?

Ja, die 50-Tonnen-Schwelle gilt auch für Stahlimporte, da Stahl zu den vier Sektoren zählt, für die eine kumulierte Jahresmenge unterhalb von 50 Tonnen Eigenmasse von der Zertifikatspflicht befreit. Anders als bei Strom und Wasserstoff, wo jeder Einführer unabhängig von der Menge zur Zulassung als CBAM-Anmelder verpflichtet ist, greift bei Stahl die volle Pflicht erst, sobald die kumulierte Menge über alle KN-Codes des Sektors und desselben Einführers die Grenze überschreitet.

Wie genau diese CBAM-De-minimis-Schwelle berechnet wird und welchen Anteil der Importeure sie insgesamt befreit, erklärt der vertiefende Beitrag im Detail.

Häufige Fragen zu CBAM-Stahl

Zählt Stahlschrott (KN 7204) als CBAM-Ware?

Nein, Eisen- und Stahlschrott unter KN-Code 7204 zählt nicht zu den CBAM-Waren, da es sich um ein Sekundärmaterial ohne eigenen Produktionsprozess im Sinne der Verordnung handelt. Schrott dient stattdessen als Ausgangsstoff für emissionsärmeren Elektrostahl (EAF), dessen fertige Erzeugnisse ihrerseits wieder unter die Kapitel 72 und 73 fallen und damit selbst CBAM-pflichtig werden können.

Wie hoch ist der CBAM-Zertifikatspreis für Stahl aktuell?

Der CBAM-Zertifikatspreis für Stahl entspricht 2026 dem amtlichen Referenzpreis von 75,28 EUR je Tonne CO2e für das zweite Quartal, veröffentlicht am 06.07.2026. Dieser Preis gilt sektorübergreifend für alle sechs CBAM-Waren identisch; unterschiedlich ist ausschließlich der Emissionsfaktor, mit dem er multipliziert wird. Die CBAM-Zertifikate selbst lassen sich frühestens ab dem 01.02.2027 tatsächlich kaufen, während der Preis bereits 2026 als Rechengröße für die Kostenplanung dient.

Was ist der Unterschied zwischen BF-BOF- und EAF-Stahl bei CBAM?

Der Unterschied zwischen BF-BOF- und EAF-Stahl bei CBAM liegt im Emissionsfaktor: Hochofenstahl (BF-BOF) verursacht mit rund 2,0 tCO2/t etwa das Vierfache der Emissionen von Elektrostahl aus Schrott (EAF) mit rund 0,5 tCO2/t. Der Grund liegt im Energieträger: BF-BOF nutzt Kohle und Koks zur chemischen Reduktion von Eisenerz, während EAF-Anlagen bereits vorhandenen Stahlschrott mit elektrischer Energie einschmelzen und dadurch strukturell weniger Prozessemissionen erzeugen.

Können Stahlimporteure Standardwerte statt tatsächlicher Emissionsdaten nutzen?

Ja, Stahlimporteure können Standardwerte statt tatsächlicher Emissionsdaten nutzen, wenn keine verifizierten Werksdaten des Lieferanten vorliegen. Diese länderspezifischen CBAM-Standardwerte tragen jedoch Aufschläge gegenüber tatsächlichen Emissionen, sodass Importeure mit unterdurchschnittlichen Werksemissionen ein wachsendes finanzielles Interesse an verifizierten Lieferantendaten haben, sobald ab 2027 die Zertifikatspflicht real zum Tragen kommt.

Datenquellen: Verordnung (EU) 2023/956 · Verordnung (EU) 2025/2083 (Omnibus) · DVO 2025/2621 · EU-ETS-Daten via EEX. Keine Rechtsberatung.